Die Sampradaya Linie von Shankara
Die Linie von Shankara, oder Adi Shankara (ca. 8. Jahrhundert n. Chr.), ist die des Advaita Vedanta, des Nicht-Dualismus. Im Gegensatz zu den Vaishnava-Sampradayas, die sich oft auf eine spezifische Gottheit (wie Narayana/Vishnu) als Ursprung beziehen, betont Shankaras Lehre die Identität des individuellen Selbst (Atman) mit dem universellen Absoluten (Brahman), das jenseits von allen Namen und Formen ist.
Hier ist eine detailliertere Darstellung der Linie von Shankara und seiner Philosophie:
1. Adi Shankara und der Advaita Vedanta
Adi Shankara gilt als einer der einflussreichsten Denker in der indischen Philosophiegeschichte. Seine Philosophie des Advaita Vedanta ist die bekannteste und dominierendste Schule des Vedanta (eine der sechs orthodoxen Schulen des Hinduismus).
Kernpunkte des Advaita Vedanta:
* Nicht-Dualismus (Advaita): Der grundlegende Tenet ist, dass es keine zwei (a-dvaita) Realitäten gibt. Es gibt nur Brahman, das Höchste Absolute, und alles andere ist letztlich Illusion (Maya) oder eine Manifestation desselben Brahman.
* „Brahman ist real, die Welt ist illusionär, und das individuelle Selbst (Jiva) ist nichts anderes als Brahman.“ (Brahma Satyam Jagat Mithya Jivo Brahmaiva Na Aparah)
* Brahman: Das einzige, ewige, unveränderliche, attributslose (Nirguna Brahman) und unpersönliche Absolute. Es ist jenseits von Zeit, Raum und Kausalität.
* Atman/Jiva: Das individuelle Selbst (Atman) ist identisch mit Brahman. Die Erfahrung der Trennung (als individuelles „Ich“) ist auf Unwissenheit (Avidya) und Maya zurückzuführen.
* Maya: Die illusorische Kraft, die das eine Brahman als die vielfältige Welt der Namen und Formen erscheinen lässt. Die Welt ist nicht „unreal“ im Sinne von „nicht-existent“, sondern „mithya“ – eine relative Realität, die einer höheren Realität (Brahman) untergeordnet ist und keine unabhängige Existenz hat.
* Moksha (Befreiung): Das Ziel ist die Erkenntnis dieser Einheit – die Verwirklichung, dass Atman Brahman ist. Diese Erkenntnis (Jnana) führt zur Befreiung (Moksha) aus dem Kreislauf von Geburt und Tod (Samsara), auch im Leben (Jivanmukti).
2. Die Linie der Dashanami Sannyasins und Mathas
Shankara wird die Organisation der Dashanami Sampradaya (Traditionslinie der zehn Namen) zugeschrieben, einer großen hinduistischen Mönchs- und Asketenordnung, die eng mit dem Advaita Vedanta verbunden ist. Er soll vier Hauptklöster (Mathas) in den vier Himmelsrichtungen Indiens gegründet haben, um seine Lehre zu verbreiten und zu bewahren:
* Govardhana Pitha in Puri (Osten): Verbunden mit dem Rig Veda. Schülerlinie: Padmapada.
* Sringeri Sharada Pitha in Sringeri (Süden): Verbunden mit dem Yajur Veda. Schülerlinie: Sureshvara.
* Dvaraka Pitha in Dwarka (Westen): Verbunden mit dem Sama Veda. Schülerlinie: Hastamalaka.
* Jyotirmatha (Joshimath) in Badrinath (Norden): Verbunden mit dem Atharva Veda. Schülerlinie: Trotakacharya.
Jeder dieser Mathas hat einen „Jagadguru“ (Weltlehrer) als Oberhaupt und ist für die Aufrechterhaltung und Weitergabe der Lehren in seiner jeweiligen Region verantwortlich.
Die Dashanami Sannyasins sind Mönche dieser Ordnung, die bei ihrer Initiation einen von zehn speziellen Beinamen annehmen: Giri, Puri, Bharati, Vana, Aranya, Sagara, Ashrama, Sarasvati, Tirtha, Parvata. Sie sind oft am Tragen von Ockerroben und einem einzelnen Stab (Ekadandi) zu erkennen.
3. Smartismus
Anhänger von Shankaras Lehre werden oft als Smartas bezeichnet. Der Smartismus ist eine Strömung im Hinduismus, die sich durch ihre Betonung der gleichmäßigen Verehrung von fünf Hauptgottheiten (Panchayatana Puja) auszeichnet:
* Vishnu
* Shiva
* Devi (die Göttliche Mutter)
* Ganesha
* Surya (Sonnengott)
Diese fünf Gottheiten werden nicht als separate Götter, sondern als verschiedene Manifestationen des einen, attributslosen Brahman angesehen. Dies steht im Einklang mit Shankaras Advaita-Philosophie, die besagt, dass die äußeren Formen der Verehrung letztlich dazu dienen, das Bewusstsein für die Einheit der Realität zu entwickeln. Smartas betrachten sich als Monisten, die das Eine Absolute verehren, das sich in verschiedenen Formen manifestiert.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Shankaras Linie, der Advaita Vedanta, keine „Sampradaya“ im Sinne einer göttlichen Ableitung von Narayana ist, sondern vielmehr eine philosophische Schule, die die Identität des Atman mit dem formlosen Brahman betont und die Einheit aller Existenz lehrt. Seine monastische Ordnung der Dashanami Sannyasins und die Smartismus-Tradition sind die praktischen Ausprägungen seiner tiefgreifenden Lehre.